Holy times

Dieses Jahr und Veränderungen… Genau vor einem Jahr haben Gina und ich, Steffi, uns entschlossen, Glory zu gründen. Das war eine Menge an Risiko, die wir auf uns genommen haben. Immerhin hatten wir alleine eine monatliche Raummiete in Höhe von 440 Euro, die wir aus dem nichts heraus zusammen bekommen mussten. Fünf Kurse in der Woche bedeutete für uns beide, mehr Arbeit und weniger Freizeit. Wir haben uns vor einem Jahr dazu entschieden, das trotzdem zu machen, weil wir einen Drang verspürt haben, das auszuprobieren.

Im Januar ging es los, ich hatte die beiden frühen 7.30h-Kurse, jeweils montags und freitags. Mir war bewusst, was es hieß, im Winter so früh aufstehen zu müssen. Und tatsächlich ging es vorwärts und wir konnten uns so finanzieren, dass unsere Kosten und Ausgaben gedeckt waren. Gina und ich haben immer wieder eingecheckt, uns abgesprochen, was können wir vielleicht anders, besser machen, wenn etwas nicht so gut lief. Allerdings haben wir in dem ersten halben Jahr durch Glory kaum etwas verdient – was wir von Anfang an eingeplant hatten. Etwas zu gründen bedeutet schließlich auch, Dinge auszuprobieren, bis man irgendwie irgendwo ankommt. Das war uns klar und wir waren stolz, so weit zu kommen.

Schließlich hatte Gina dieser Wunsch, etwas Eigenes und Neues zu gründen, verlassen. Glory wurde damals immer größer und ich hatte mich entschlossen, in das Wachsen und in noch mehr Risiko hineinzugehen. Damit veränderten sich natürlich einige Parabeln. Glory sollte nicht mehr “nur” ein Hobby sein, sondern ein Konzept, das wachsen kann. Das uns schließlich finanzieren kann – irgendwann.

Nach Ginas Ausstieg im Juli habe ich Glory einen Monat lang alleine weiter gemacht. Das war hart, zwei Kurse pro Woche mehr, davon jeweils zwei Kurse hintereinander. Workshops alleine geben. Aber es hat mir auch gezeigt, dass es möglich ist, und dass unsere TeilnehmerInnen weiter Lust haben, zu kommen. Dass sie das Projekt an sich gut finden. Als Gina ausstieg, hatte ich Angst: dass jetzt niemand mehr kommen würde, dass das Konzept abhängig ist von Gina und mir und wenn eine aussteigt, bricht alles zusammen. Dass ich nicht gut genug bin, Glory alleine weiter zu führen.

Dieser eine Monat hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, dabei zu bleiben und dass ich weiter machen kann. Ich hatte mich bereits entschieden, mich zum 1. September komplett selbstständig zu machen (ich hatte noch eine Festanstellung in Teilzeit), und dieser Monat, in dem ich alleine Glory weitergemacht habe, hat mir dazu Mut und Vertrauen gegeben.

Schließlich fragte mich meine Freundin und Kollegin Dani Kourtidis, ob sie mit “einsteigen” kann – ob ich Lust hätte, mit ihr zusammen ein Projekt zu machen, dass so ähnlich funktioniert wie Glory – kein Studio, Workshops zu holistischen Themen, Meditationsangebote. Ich wollte nie Einzelunternehmerin sein. Das war etwas, das mich an der Yogaszene schon immer gestört hat, diese vielen YogalehrerInnen, die EinzelunternehmerInnen sind, angewiesen auf die wenigen großen Studios plus ein paar Businesskunden, die etwas mehr für die Yoga-Stunde zahlen als die Studios. Schnell gelangt man so in eine Schleife: Man unterrichtet immer mehr, um die eigenen Lebensunterhaltskosten zu decken und es gibt wenig bis gar keinen finanziellen Aufstieg.

Als Selbstständige habe ich nicht nur meine Krankenkasse und meine Rentenversicherung zu zahlen (im Monat mindestens zusammen 600 Euro, mit Vergünstigung für GeringverdienerInnen bzw. Start Ups – darunter geht es nicht), sondern ich muss in ganz anderem Maße meine Finanzen im Blick haben. Wie viel Geld muss ich für Steuer-Rückzahlungen sichern? Wann fahre ich in Urlaub und kann ich mir das überhaupt leisten? Ich tendierte früher dazu, als ich schon einmal als Yogalehrerin selbstständig war, immer Urlaub und Arbeit zu verbinden. Dann eben vor Ort noch unterrichten. Dann eben noch ein Retreat hier und dort anbieten. Das wollte ich alles nicht mehr. Ich hatte mir zumindest vorgenommen, ein sustainable, ein haltbares Prinzip ins Leben zu rufen. Von dem ich nicht nur leben kann, sondern mit dem ich wachsen kann.

Ich hatte riesiges Glück, dass Dani genau den gleichen Plan hatte und bereit war, mit mir dieses neue Risiko und diese neue Herausforderung einzugehen. Uns war klar, dass wir Glory begraben mussten – Danis und mein Konzept war zu unterschiedlich von dem, was Gina und ich angeboten hatten. Das Holistische ist immer noch unser Hauptprinzip und das, was uns verbindet. Aber anstatt Essen und Vollmond-Rituale in den Vordergrund zu stellen, konzentrieren Dani und ich uns mehr auf eine Praxis und Fortbildung für YogalehrerInnen, auf die Arbeit mit Yoga-Beginnern und das Integrieren von buddhistischer Meditation. Die Full Moons habe ich weiterhin angeboten, weil sie Teil meiner eigenen Praxis sind und die Arbeit mit Frauen und dem Empowerment von Weiblichkeit eine Herzensangelegenheit ist, die mich ausmacht. Unser neuer Name fiel schnell auf Holy. Als Abkürzung für holistic Practice. Unser essentielles Element.

Auch mit Dani habe ich in den Monaten seit August immer wieder eingecheckt, wir haben Neues ausprobiert, geschaut, welche von unseren Ideen funktionieren und welche nicht. Dabei haben wir eine Kern-Crew an Teilnehmenden, die Gold wert ist. Die immer wieder Anregungen geben, was sie gerne hätten an Workshops und Unterrichtsideen. Und dann haben wir noch Freunde, die uns unterstützen bei unserer Arbeit nach außen hin, die uns helfen, Flyer zu erstellen und ein Logo zu entwerfen (tausend Dank, Marko Seeber!!) oder Lust haben, mit uns Fotoideen auszuprobieren (so viel Dank an dich, Hanna Witte!!). Das Ergebnis: Work in progress 🙂

Was ich gelernt habe in diesem Jahr (und ich habe sehr viel gelernt), ist niemals aufzugeben. Wenn eine Idee nicht direkt funktioniert – zu schauen, wie man sie abändern kann, bevor man sie aufgibt. Zusammen mit anderen Menschen zu arbeiten und ihnen zu vertrauen, kann heartbraking sein – denn Menschen können wieder gehen, und oft tun sie das auch, aus verschiedensten Gründen. “Wir sind alle ein bisschen heratbroken”, hat einmal ein Freund zu mir gesagt. Ich habe mir das zu Herzen genommen, um mit den Menschen, mit denen ich arbeite, mehr einzuchecken. Irgendwie sitzen wir doch alle im selben Boot und die Ängste und Verletzungen, die wir erlebt haben, sehen wir in den Augen unseres Gegenübers wieder. So können wir ehrlicher und offener miteinander umgehen – als wenn wir so tun, als wäre nichts.

Selbstständig zu sein ist momentan ein großer Luxus für mich. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, wie wir immer wieder in unseren Anstellungen versuchen, uns mit unseren ArbeitgeberInnen zu identifizieren. Das kann mal besser und mal schlechter klappen (und hey, wenn ich merke, ich kann meine Ausgaben nicht mehr decken, dann werde ich natürlich wieder in eine Festanstellung gehen (müssen)) – in unserer heutigen Welt ist vieles viel komplizierter, als wir uns gerne weismachen wollen. Da gibt es selten noch ein gut oder schlecht, sondern immer irgendetwas dazwischen. Ich merke das am allermeisten, wenn ich Business-Yogakurse gebe und nur für eine wöchentliche Stunde in einem Unternehmen bin. Ich werde damit konfrontiert, für wen ich arbeite – auch wenn es nur für eine kurze Zeitspanne ist. Und was die ArbeitgeberInnen mit den Yogakursen erreichen wollen. Oft wollen sie wirklich ihren Arbeitnehmenden einen Ausgleich bieten – aber manchmal merke ich, dass es um Selbstoptimierung geht, um: mehr leisten zu können. Und dann muss ich mich fragen, ob es das Geld, das ich dort verdiene, Wert ist. Meine Entscheidung.

Und so komme ich zu meinem letzten Punkt: In diesem Jahr habe ich vor allem gemerkt, dass wir mehr entscheiden können, als wir denken. Dass wir mehr Macht haben, unterschiedlich zu handeln, als wir meinen. Dass wir Angst haben, ja. Aber dass wir weiter gehen können. Kurz innehalten. Die Angst anschauen. Und dann trotzdem weitergehen. So viele Gründe, uns zurück zu halten. Und ein Grund, weiterzugehen: EVOLVING.